Die Zahlen sind beeindruckend: Insgesamt nehmen 14.700 Athleten an den 30. Olympischen Spielen der Neuzeit und den Paralympics in London teil. In der Zeit vom 27. Juli bis 12. August sollen bis zu zehn Millionen Besucher zu den 300 Wettbewerben kommen. An den TV-Bildschirmen verfolgen voraussichtlich vier Milliarden Zuschauer die Wettkämpfe, für die sich Sportler aus 204 Ländern angemeldet haben. Die IT-Fäden im Hintergrund zieht hauptsächlich der IT-Dienstleister Atos, der für die rund 250.000 Akkreditierungen von Sportlern, Journalisten und Mitarbeitern zuständig ist – ein IT-Marathon, der schon vor sieben Jahren begann.

Vorbereitungen seit 2005

Bereits nach der Bekanntgabe des Austragungsorts im Rahmen der 117. Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees 2005 in Singapur begannen die Vorbereitungen. Für den Ablauf und die Organisation sind seitdem das „London Organising Committee of the Olympic and Paralympic Games“ (LOCOG) und die „Olympic Delivery Authority“ (ODA) verantwortlich.

Als globaler IT-Partner des IOC tritt seit 2001 Atos in Erscheinung. „Wir müssen dafür sorgen, dass die gesamte Technik vom ersten Tag an funktioniert“, betont Patrick Adiba, CEO Atos Iberia und Executive Vice President Olympic Games and Major Events. Der Manager gibt sich anlässlich der Eröffnung des „Technology Operations Centre“ (TCO) in London optimistisch, dass die Systeme laufen werden: „Nachdem alle Sicherheitschecks in den letzten Monaten erfolgreich beendet wurden, denke ich, dass wir gut gerüstet sind.“ Das Unternehmen ist als Hauptauftragnehmer nicht nur für die gesamte Systemintegration zuständig, sondern koordiniert zusammen mit dem LOCOG auch die Technologiepartner, darunter Acer, Airwave, BT, Cisco, Panasonic, Samsung und Omega.

Nach Angaben von Atos ist der Aufwand für die Technik rund zehnmal so groß wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika 2010. Das liegt nicht nur an der Größe der Veranstaltung, sondern auch an der Verteilung der 94 Sport-Schauplätze. So finden beispielsweise Spiele des Fußballturniers im schottischen Glasgow statt, das 650 Kilometer von London entfernt ist. „Während der Spiele verarbeiten wir 30 Prozent mehr Daten als bei früheren Veranstaltungen“, sagte Pieter-Jon Buitelaar, Operations Manager für die Olympischen Spiele 2012 bei Atos. Der IT-Manager war bereits an der Umsetzung 2008 in Peking und an den Winterspiele in Vancouver beteiligt. Da die Verantwortlichen keine Risiken eingehen wollten, war es ihnen wichtig, auf bewährte Technik zu setzen. Man verzichtete etwa auf die Nutzung zentraler Cloud-Dienste, die bei der Risikobewertung durchfielen. Auch von der Migration auf IPv6 nahmen die Techniker Abstand.

Hard- und Software redundant ausgelegt

Die verwendete Hard- und Software ist redundant ausgelegt und musste zwei Testläufe überstehen. Während der Vorbereitungen, die im September 2010 begonnen haben, wurden zu diesem Zweck Wettkämpfe unter realen Bedingungen simuliert. Zudem wurden im Rahmen der „London Prepares“ 42 Test-Events an den Wettkampforten veranstaltet, um den Ablauf im Detail zu gewährleisten. Bis zum Beginn wird die IT-Mannschaft auf 3500 Mitarbeiter anwachsen.

„Natürlich haben wir das Ziel, dass keine Fehler auftreten. Falls es dennoch Probleme gibt, wird automatisch ein alternatives System zugeschaltet“, so Adiba. Alle Daten laufen im Technology Operations Centre (TOC) zusammen, das im Turm der HSBC-Bank im Londoner Finanzzentrum Canary Wharf untergebracht ist. Zudem existiert ein alternatives Techologiezentrum, das notfalls in zwei Stunden hochfahren kann. Der genaue Standort wird aus Sicherheitsgründen nicht verraten.

Sicherheit durch Standard-IT

Insgesamt umfasst das IT-Equipment für die Spiele zirka 11.000 Desktop-Computer, 1100 Notebooks, 1000 Netzwerk- und Sicherheitskomponenten und 900 Server. Die Geräte wurden im Technology Equipment Deployment Centre (EDC) konfiguriert, das bereits im April 2011 die Arbeit aufnahm. Als Standardrechner kommen PCs (Veriton 670) und Notebooks (TravelMate) von Acer zum Einsatz, die mit Windows 7 arbeiten. Zum Softwarepaket gehören Management-, Personalplanungs- und Akkreditierungs-Tools sowie ein spezielles Programm zur Verarbeitung der Ergebnisse. Die einzelnen Wettkampforte sind mit jeweils mindestens drei (teilweise virtuellen) Acer-Servern bestückt.

Das Sicherheitskonzept von Atos umfasst drei Bereiche: Architektur, Risiko-Management und Betrieb. Aus Sicherheitsgründen separierten die Spezialisten beispielsweise das Kommunikationsnetz vom Intranet, über das die Wettkampfergebnisse übertragen werden. BT und Cisco verlegten rund 4200 Kilometer Kabel zwischen den Olympia-Orten und dem Rechenzentrum im Londoner Osten. „Die einzelnen Wettkampfstätten sind autonom. Wir überwachen im TOC vor allem den Informationsfluss“, beschreibt Atos-Manager Buitelaar die Infrastruktur.

Zudem wurde ein Intrusion Detection System (IDS) eingerichtet, das Angriffsmuster erkennt und bei der Gefahrenanalyse hilft. „Hacker werden versuchen, unsere Infrastruktur anzugreifen“, ist sich Gerry Pennell, Chief Information Officer (CIO) des LOCOG, sicher. Der CIO geht von verschiedenen Bedrohungsszenarien aus: So könnten Anonymous-Aktivisten unbeliebte Sponsoren angreifen. Auch Ticket-Datenbanken könnten Hacker interessieren. Naturgemäß sind die Experten von LOCOG und Atos zugeknöpft, wenn es um Sicherheitsdetails geht. Allein bei den letzten Olympischen Spielen in Peking verzeichneten die Systeme zirka 200 Millionen sicherheitsrelevante Ereignisse, weniger als 100 davon waren nach Angaben von Atos wirklich bedrohlich. Wie die genau aussahen, wird nicht mitgeteilt. Um gegen Angriffe gewappnet zu sein, spielten die Sicherheitstechniker bis Ende April eine Reihe von Szenarien durch. Die beiden letzten Tests wurden im Mai vorgenommen.

Medienspiele

Doch die Sicherheitsinfrastruktur ist nur eine der Herausforderungen, eine andere ist die Unterstützung der vielen TV-Anstalten. So sendet allein die BBC ungefähr 2500 Stunden Wettkämpfe auf 29 Fernseh- und Radiokanälen sowie als Internet-Livestream. Das britische TK-Unternehmen BT stellt seinerseits Teile der neuen, IP-basierenden 21CN-Netzwerkinfrastruktur zur Verfügung, zu der etwa ein Glasfaserring um den Olympic Parc im Londoner Stadtteil Stratford gehört. Die Zentralknoten sind für einen Transfer von bis zu 160 Gbit/s ausgelegt, wobei die Wettkampfstätten mit 20 Gbit/s angeschlossen sind.

Um die internationalen TV- und Radiosignale (ITVR) an die nationalen Sendeanstalten zu verteilen, gründete das IOC 2001 das Unternehmen „Olympic Broadcasting Services“ (OBS) in Spanien. Seit den Olympischen Spielen 2008 produziert es alle Bild- und Tonformate. Für London gründete das OBS wiederum die Tochter „Olympic Broadcasting Services London“ (OBSL), das mit 4000 Mitarbeitern und 1000 Kameras an den Austragungsorten vertreten ist. Die verkauften ITVR-Signale enthalten keine Kommentare, da die Fernsehsender diese eigenhändig produzieren.

Alle TV-Bilder werden im HD-Format (1080/50i) aufgenommen und im Bedarfsfall herunterskaliert. Trotz einer groß angekündigten 3D-Offensive senden die meisten Fernsehsender nicht in dem Format. Lediglich die britischen Anstalten BBC und BSkyB sowie der US-Kanal NBC wollen Teile ihres Programms in 3D ausstrahlen. Grund für die Zurückhaltung ist laut BBC vor allem der Kapazitätsengpass.

Die Olympischen Spiele in London sollen die „schnellsten aller Zeiten“ werden. Damit das gelingt, hat Atos ein Information Diffusion System (IDS) entwickelt, das Daten in Echtzeit an Medienvertreter, Athleten, Wettkampfrichter, Trainer und Sponsoren liefert. Journalisten bekommen etwa über das „Commentator Information System“ (CIS) im Bruchteil einer Sekunde Wettkampfergebnisse auf ihren Monitor – noch bevor die Zuschauer im Stadion den Sieger kennen. Die Bedienung ist per Touchscreen möglich.

Neue Informationsquellen

Unter dem Namen Info+ wurden 1800 Terminals an den unterschiedlichen Spielstätten platziert, die einen Überblick über die Ergebnisse liefern. Hinzu kommt myInfo+. Die Applikation ist in London erstmals für alle akkreditierten Teilnehmer verfügbar. Laut Atos lassen sich mit dem Programm alle denkbaren Daten abrufen, darunter auch Sportlerbiografien oder Wetterprognosen. Wer die App herunterlädt, kann die Informationen auf seinem Newsportal integrieren und eingrenzen.

Der Bilder- und Informationsflut wurde im Vorfeld größte Aufmerksamkeit geschenkt. BT, Cisco und Atos erwarten während der Spiele Datentransferraten von bis zu 60 Gbit/s. Das Gros wird über das International Broadcast Centre (IBC) fließen, das Teil des Hauptpressezentrums ist. Vom Londoner Osten aus produzieren die Olympic Broadcasting Services London (OBSL) alle Bildformate. In Zusammenarbeit mit dem belgischen Unternehmen EVS, das auf die Verarbeitung von Video- und Audiodaten spezialisiert ist, werden die Bilder weltweit an die Sendeanstalten verteilt. Die OBSL stellen allein EVS über 300 Multikanal-XT-Server zur Verfügung. Die Verarbeitung und Verbreitung läuft über das Video-Management-System „IPDirector“, so dass die Mitarbeiter alle Medien durchsuchen können, zu denen unter anderem Zeitlupen- und Highlight-Aufnahmen gehören.

Drahtloses London

Die Bilder von ARD und ZDF kommen je nach Bedarf im HD-Format an. Das Signal für Standard-Definition-TV-Kunden (SDTV) wird vor dem Transfer herunterskaliert. Für die Übermittlung nutzen die Öffentlich-Rechtlichen das Glasfasernetz (FiNE) der Europäischen Rundfunkunion (EBU), das seit 2003 verfügbar ist.

Besonders kritisch dürfte in erster Linie der Internet-Traffic sein. Viele Sendeanstalten, allen voran die BBC, wollen von bis zu 24 Wettkämpfen gleichzeitig HD-Live-streams in das Glasfasernetz senden – eine Datenlawine droht. Britische Service-Provider gehen bereits davon aus, dass Geschäftskunden während der Spiele mit erheblichen Einschränkungen rechnen müssen. Was für die physischen Netzwerke gilt, kann auch die Mobilfunknetze betreffen. Viele der insgesamt zehn Millionen Besucher werden versuchen, ein Bild von den Wettkämpfen zu erhaschen und im Social Web zu posten. Um für Entlastung zu sorgen, sind an verschiedenen Orten auf dem Olympia-Gelände und in den Londoner Stadtbezirken Westminster, Kensington sowie Chelsea Hotspots platziert. Zusätzlich hat Virgin Media angekündigt, in 80 U-Bahn-Stationen kostenlose WLAN-Verbindungen anzubieten. Ergänzt werden diese durch 56 Wifi-Punkte an S-Bahn-Stationen.

Dennoch können Vorkehrungen und Tests keine völlige Sicherheit garantieren. Überraschungen wie bei den Winterspielen in Salt Lake City 2002, als Manipulationen der Eiskunstlaufjury bekannt wurden und es mit dem russischen und dem kanadischen Paar am Ende zwei Goldmedaillengewinner gab, können wieder auftreten. Davor haben die Techniker am meisten Angst.

Der Artikel wurde am 17. Juli 2012 auf COMPUTERWOCHE.de publiziert.