Als sich Doris Schuppe 2010 als Kommunikationsberaterin selbstständig machte, wollte sie auch außerhalb des Home Office arbeiten. „Ich traf mich damals regelmäßig mit anderen Freelancern in Cafés, und wir überlegten uns, wie wir zusammenarbeiten können, ohne gleich eine Bürogemeinschaft zu gründen“, erinnert sich die studierte Biologin und Informatikerin. „Jeden Tag allein im heimischen Büro zu sitzen, war mir einfach zu langweilig, auch wenn ich als Beraterin häufig bei meinen Kunden bin.“

Also begab sich Schuppe mit Gleichgesinnten auf die Suche. Ihr Werkzeug war das Web 2.0, über das sich die Freelancer vernetzten. Für die „Online-Pionierin“, wie sich Schuppe selbst nennt, ein naheliegender Weg, denn ihre Beratertätigkeit kreist in erster Linie um die Themen Social Media und mobiles Internet. Mit ihrem Ein-Frau-Beratungsunternehmen „DoSchu.Com“ entwickelt sie zusammen mit ihren Kunden Strategien für den Umgang mit dem Web 2.0 und organisiert Workshops.

Vernetzung mit Gleichgesinnten

Bereits nach kurzer Zeit wurde die Gruppe fündig, denn ihr Ziel war ihnen klar. Sie wollten einen „Coworking Space“ finden. „Wir suchten jemanden, der das unternehmerische Risiko auf sich nahm und einen Coworking Space mit einem gewissen Niveau eröffnet. Als wir vom Combinat 56 in München hörten, setzten wir uns über unsere Xing-Gruppe sofort mit der Gründerin in Verbindung“, beschreibt Schuppe die Situation

Die selbstständige Marktforscherin Sina Brübach-Schlickum ist die Geschäftsführerin des Combinat 56. „Wenn man es genau betrachtet, waren schon die Wiener Kaffeehäuser Coworking Spaces, da man sich zusammensetzte und verschiedene Themen diskutierte“, beschreibt Brübach-Schlickum das Grundprinzip.

Coworking wird in den USA schon seit einigen Jahren praktiziert. Für Stefan Rief, Leiter des Competence Center „Workspace Innovation“ beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart ist der Grundgedanke dieser neuen Bürogemeinschaft denkbar einfach: „Viele Menschen wollen konzentriert arbeiten. In Coworking-Spaces sind die Freelancer nicht so schnell abgelenkt und die Vernetzung mit Gleichgesinnten ist einfacher.“

Das Institut für Freie Berufe Nürnberg bezifferte 2011 die Zahl der Freelancer deutschlandweit auf 1,143 Millionen – eine Verdopplung innerhalb der letzten 15 Jahre und damit ein riesiges Potenzial. Ein Teil davon arbeitet heute im Home Office. Der fehlende Austausch mit Kollegen und die schwierige Arbeitsmotivation im privaten Umfeld ist dabei aber für viele ein Problem. Coworking Spaces könnten hier Abhilfe schaffen.

In den Spaces mieten sich die Freelancer für eine bestimmte Zeit einen Platz. Geschäftstermine werden in Besprechungsräumen abgehalten. Wer länger telefoniert oder kurze Ruhepause benötigt, zieht sich in ein Einzelzimmer zurück. Vor drei Jahren wurde die Idee mit dem betahaus in Berlin nach Deutschland importiert. Im Mai 2010 hat Brübach-Schlickum das Risiko gewagt und das Combinat 56 in München eröffnet. „Am Anfang saßen wir nur zu dritt in den großen Räumen, da war mir schon etwas mulmig“, bekennt sie heute. Doch durch Mundpropaganda und Informationsveranstaltungen meldeten sich immer mehr Freelancer an. Heute arbeiten durchschnittlich 15 Coworker regelmäßig in den modernen Büros in Schwabing. Alles ist in buntem Retrostil gehalten. Eine Küche bietet Raum für Gespräche und den Ideenaustausch. Internationale Coworker Kongresse wie die Europe Coworking Conference dienen der Vernetzung. „Gerade das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten und die positive Resonanz haben mir gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, freut sich Brübach-Schlickum heute.

Bring your own Device ist Standard

Für Coworker wie Doris Schuppe sind die Vorteile dieser Arbeitsorganisation offensichtlich: „Coworking ist für mich Social Media in real life. Man gibt Ratschläge und tauscht sich aus, ohne dass ich gleich die Berateruhr anschmeiße.“ Zudem finde sie immer einen aufgeräumten Schreibtisch vor, habe W-LAN und könne sich mit Kunden in einen Besprechungsraum mit Beamer einmieten. Vorzüge, die sie bei Geschäftsterminen in den Unternehmen häufig vermisse. „Dort muss ich meine Präsentation bis ins Detail planen, da nicht zwangsläufig Internet zur Verfügung steht. Im Coworking Space ist dagegen Bring your own Device der Standard“, bemängelt sie die unflexible Strategie vieler Firmen.

Flexibilität ist auch für Andreas Ries ein Grund gewesen, sich einen Platz im Combinat 56 zu mieten. Als freiberuflicher Softwareentwickler, der bald Vater wird, ist die freie Zeiteinteilung entscheidend. Ries ist bereits seit zwölf Jahren Freelancer. Schon nach dem Studium merkte er, dass eine Festanstellung nicht zu ihm passt. Heute programmiert er zum größten Teil Software auf Basis von Windows, die bei Maschinenbauunternehmen zum Einsatz kommt. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir 2010 nach München kamen. Freitag sind wir nach einem Auslandsaufenthalt gelandet, Montag habe ich mir das Combinat angeschaut und gleich den Vertrag unterschrieben“, so der studierte Mathematiker in der Rückschau.

Nicht nur der unkomplizierte Umgang bei der Anmeldung überzeugt ihn bis heute: „Da die IT-Branche stark männerdominiert ist, finde ich es angenehm, dass hier auch Frauen arbeiten. Gerade für die Arbeitsatmosphäre ist das meiner Meinung nach wichtig.“ Im Gegensatz zur Kommunikationsberaterin Schuppe und Gründerin Brübach-Schlickum ist Ries jeden Tag im Combinat 56 und sitzt in der Regel auch am gleichen Schreibtisch, was bei Coworkern eher unüblich ist. Allerdings hat dies praktische Gründe: „Ich benötige für meine Arbeit häufig mehrere Bildschirme, die ich nicht immer wegräumen kann. Zudem bin ich relativ groß und brauchen eben eine Schreibtisch, der höhenverstellbar ist.“

Die Atmosphäre ist entscheidend

Trotz aller Euphorie, die Coworking bei den Selbstständigen ausgelöst hat, stellt sich die Frage nach den Nachteilen. Schaut man sich im Combinat 56 um, fällt einem der offene Raum auf, in dem sich die Freelancer tummeln. Die Geräuschentwicklung ist auch hier ein Thema. Allerdings eines, dem nach Angaben der Coworker keine große Beachtung geschenkt wird. „Natürlich reden wir auch über das Thema, wenn es mal zu laut sein sollte. Aber gleichzeitig nehmen wir aufeinander Rücksicht, so dass es kaum zu Reibungspunkten kommt,“ meint etwa Web 2.0-Beraterin Schuppe. Ries pflichtet ihr bei: „Es ist doch klar, dass wir keine Bibliotheksatmosphäre hinbekommen. Man muss auch anpassungsfähig sein, um hier zu arbeiten.“

Für die beiden Freelancer ist die Atmosphäre entscheidend. „Wir ticken alle ähnlich. Freiberufler, die mit dieser Arbeitsform nicht so schnell zu Recht kommen, merken dies nach einer gewissen Zeit und melden sich wieder ab“, so das Resümee des Softwareentwicklers. Die Gründerin des Combinat 56, Brübach-Schlickum, ist letztlich überzeugt, dass Coworking ein langfristiger Trend ist: „Viele Menschen wollen einfach nicht allein arbeiten, sondern Kontakte pflegen. Für Einzelpersonen, die sich nicht vernetzen, wird es immer schwerer, in der heutigen Arbeitswelt zu bestehen.“

Der Artikel wurde am 25. April 2012 auf COMPUTERWOCHE.de publiziert.