Systeme für das Enterprise Resource Planning (ERP) bilden das Rückgrat von Unternehmen. Je nach Branche, Unternehmensgröße und Funktionsumfang unterscheiden sich die Systeme aber. Mittlerweile gibt es eine Reihe von quelloffenen ERP-Programmen, die allerdings jeweils stark anpassungsbedürftig sind. „Open-Source-Lösungen sind branchenneutral. Wenn man branchenspezifische Tools benötigt, muss die Software angepasst werden“, nennt Anja Schatz, Abteilungsleiterin am Fraunhofer-Institut Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), eine der Hürden.

Nachteile und Potenziale

In der Studie Open Source ERP. Reasonable Tools for Manufacturing SMEs? hat das Fraunhofer IPA Open-Source-ERP-Systeme untersucht. Dabei lag das Hauptaugenmerk auf der Anpassbarkeit der Software und den Funktionen. Grundsätzlich sind die Applikationen mit den gängigen Betriebssystemen kompatibel. Zudem bieten sie wie die meisten herkömmlichen ERP-Systeme Browser-Unterstützung. Die Steuerung kann von einem zentralen Server erfolgen.

Die Autoren haben aber auch Unterschiede festgestellt. So variierte der Support bei den Programmen. Einige Lösungen wiesen nur auf einen Service-Provider hin. „Das spiegelt häufig die Größe der Community wider und zeigt, wie aktuell die Systeme sind“, so die Verfasser der Studie.

Die wichtigsten quelloffenen ERP-Systeme

Nuclos

Das System ist ein ERP-Baukasten mit zahlreichen Schnittstellen zu Office-Lösungen. Die Weiterentwicklung wird fast ausschließlich von der Firma Novabit forciert, die auch Services hierfür anbietet.

Openbravo

Ist ein Gewinner der Bossie Awards 2012 und wird durch eine große Community unterstützt. Aktuell existiert für alle Anwender nur eine Edition.

OpenERP

War auch bei den „Bossies 2012“ vertreten. Vom System existiert ebenfalls nur eine Version. Der Anwender kann aber relativ einfach Dienstleistungen buchen und kündigen.

xTuple

Das Programm ist einer der Pioniere von Open-Source-ERP – mit wachsendem Erfolg. Derzeit wird es auf HTML5 umgestellt und dabei von HP gesponsert.

„Grundsätzlich hat sich in den letzten Jahren nur wenig in der Systemlandschaft getan“, meint Schatz. Chancen für Open-Source-ERP sieht sie vor allem in kleinen Betrieben, die sich kein teures proprietäres System leisten können, jedoch über eine eigene IT-Abteilung mit Open-Source-Know-how verfügen. Das IPA möchte daher in einer weiteren Studie untersuchen, welche Erfahrungen Anwender mit entsprechenden Systemen gesammelt haben. Viele solche Anwender wird das Institut allerdings nicht finden, denn die Skepsis ist groß. Sie betrifft die Qualität, die Komplexität und vor allem den Anpassungsaufwand.

Die Marktbeobachter von Softselect empfehlen denn auch nicht ein einziges Open-Source-System im Bereich ERP. Hierfür zählen sie drei Gründe auf: 1. ERP-Software ist komplex. In die Entwicklung etablierter Angebote sind viele Personenjahre eingeflossen. Diesen Vorsprung konnte die Open-Source-Community bislang nicht aufholen. Anwender erwarten aber einen reibungslosen Ablauf der durch ERP-Systeme unterstützten Prozesse. 2. Da OSS branchenneutral sind, erfordert es einen hohen Aufwand, die Systeme an individuelle Anforderungen anzupassen. Benötigt ein Unternehmen Dienstleister oder bindet Fachpersonal ein, muss es entsprechend Geld in die Hand nehmen. 3. Im Gegensatz zu anderen Open-Source-Segmenten fehlt es im Bereich Enterprise Resource Planning an Sponsoren. Hinter der Weiterentwicklung erfolgreicher OSS-Projekte stehen aber oft finanzkräftige Unternehmen.

Fazit

Ob quelloffene ERP-Pakete ihre Nische verlassen können, ist keineswegs sicher. Dennoch zeigt sich das Fraunhofer IPA optimistisch: „Die klassische ERP-Softwarelandschaft wird sich auflösen und modularen Lösungen Platz machen. Hier besteht die Chance für Open Source.“

Der Artikel wurde am 12. Dezember 2012 auf COMPUTERWOCHE.de publiziert.